Geschichtlicher Hintergrund

Bei Augsburg wurde im Jahr 955 Weltgeschichte geschrieben

»Wie groß in Eurer Seele die Leidenschaft für die Verehrung unserer göttlichen Religion ist, verkündet die ganze Welt.«

Aus: Brief von Abt Odilo von Cluny (um 962 – 1049) an König Stefan I. von Ungarn

Die Ungarn als Geißel Europas

Seit dem Ende des 9. Jahrhunderts durchzogen ungarische Reiterheere raubend, mordend und plündernd Europa. Keine Macht schien die schnellen Reitertruppen der Magyaren, wie die Ungarn sich selbst nannten, stoppen zu können. Vor allem die Gebiete des ostfränkischen Reiches waren immer wieder Ziele ihrer räuberischen Überfälle.

 

Bildquelle: Regio Augsburg Tourismus GmbH

Panzerreiter gegen die Ungarn

Dem ersten König aus der Dynastie der Ottonen, Heinrich I. (919-936) gelang es bei einem erneuten Ungarneinfall 924, einen ungarischen Fürsten gefangen zu nehmen und durch Verhandlungen zu einem neunjährigen Waffenstillstand zu kommen. Diese Zeit nutzte Heinrich, um ein schlagkräftiges Reiterheer aus schwer bewaffneten Panzerreitern aufzustellen, die den Reitertruppen der Ungarn Paroli bieten konnten. Außerdem wurden überall im Reich Fluchtburgen angelegt, in die sich die Bevölkerung bei Ungarnangriffen mit ihrem Vieh und ihrem beweglichen Hab und Gut zurückziehen konnte. 955 unternahmen die Ungarn einen erneuten, folgenreichen Angriff auf das ostfränkische Reich der Ottonen.

 

Bildquelle: Scan aus Buch: Gudrun Vögler: König Konrad I. : (911–918). Konrad I. – der König, der aus Hessen kam. Aus Anlass des Wissenschaftlichen Symposions König Konrad I. Auf dem Weg zum »Deutschen Reich«?, Fulda, 21.–24. September 2005, S.60

König Otto I. und das Lechfeld

Im Jahr 955 plünderten die Ungarn Süddeutschland bis hin zum Schwarzwald. König Otto I. (936-972) stellte ein Heer aus allen deutschen Stämmen, Bayern, Schwaben, Franken, Sachsen, Thüringern, dazu noch Böhmen, zusammen, das sich im August 955 auf dem Lechfeld bei Augsburg traf, um den Ungarn entgegenzutreten. Am 10. August 955 wurde die Schlacht auf dem Lechfeld geschlagen. Der Ausgang dieser Schlacht veränderte die Geschichte Europas mit weitreichenden Folgen.

 

Scan aus Buch: Scan aus Buch: Matthias Springer, 955 als Zeitenwende – Otto I. und die Lechfeldschlacht, in: Matthias Puhle (Hrsg.): Otto der Große. Magdeburg und Europa, S.199-208, hier: S. 201.

König und Bischof

Die Hauptakteure auf deutscher Seite bei der Schlacht auf dem Lechfeld waren König Otto I. und der Augsburger Bischof Ulrich (890-973). Bischof Ulrich war es mit seinen Mannen gelungen, die Belagerung Augsburgs durch die Ungarn am 8. und 9. August 955 durchzustehen. Das Eintreffen der Truppen Ottos bei Augsburg führte dazu, dass die Ungarn die Belagerung Augsburgs abbrachen, die Stadt war gerettet. Bischof Ulrich konnte einige hundert seiner Kämpfer dem Heer König Ottos zuführen. Auf ungarischer Seite ist als einer der Anführer Fürst Bulcu zu nennen, der nach der Schlacht gefangen genommen und in Regensburg hingerichtet worden ist. Zwei zeitgenössische Chronisten berichten über die Ereignisse des Augusts 955.

Widukind von Corvey schildert in seinem Geschichtswerk »Res gestae Saxonicae« das Schlachtgeschehen, Gerhard von Augsburg, Domprobst unter Bischof Ulrich, berichtet in seiner Lebensbeschreibung des Bischofs von der Belagerung Augsburgs durch die Ungarn. Die Werke dieser beiden Chronisten sind die Hauptquellen unserer Kenntnis von den Ereignissen des Augusts 955 in und bei Augsburg.

Nach der Lechfeldschlacht ließ Ulrich die von den Ungarn zerstörten Kirchen wieder aufbauen. Ulrich war aber nicht nur Bischof, sondern auch ein bedeutender Fürst im Reich Kaiser Ottos des Großen. Bereits 20 Jahre nach seinem Tod wurde er im ersten bekannten Heiligsprechungsverfahren 993 in Rom zur Ehre der Altäre erhoben.

 

Bildquelle: Scan aus Buch: Matthias Springer, 955 als Zeitenwende – Otto I. und die Lechfeldschlacht, in: Matthias Puhle (Hrsg.): Otto der Große. Magdeburg und Europa, S.199-208, hier: S. 201.
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Hl. Ulrich, um 1500 © Diözesanmuseum St. Afra des Bistums Augsburg

Bischof Ulrich

Ulrich wurde im Jahr 890 geboren und stammte aus schwäbischem Uradel. Durch sein Bischofsamt, das er seit 923 ausübte, war er zugleich Reichsfürst und pflegte enge Verbindungen zu den Königen des ostfränkischen Reichs. Dies zeigt sich auch durch zahlreiche Besuche von Reichsversammlungen. Durch den Ausbau der Verteidigungsanlage Augsburgs, die der Bischof anordnete und durchführen ließ, konnten die Angriffe der Ungarn am 8. und 9. August 955 erfolgreich abgewehrt werden. Bischof Ulrich starb als hochgeachteter Reichsfürst im Jahr 973. Zwanzig Jahre später wurde er heiliggesprochen. Bis zum heutigen Tag genießt Bischof Ulrich in der Bevölkerung Süddeutschlands und darüber hinaus große Verehrung.

König Otto der Große

Als Otto I. (912 – 973) im Jahr 936 König des ostfränkischen Reiches wurde, war dieser neue Staat ein politisch noch sehr instabiles Gebilde, in dem mächtige Fürsten gegeneinander um die Vormacht innerhalb dieses Reiches kämpften. Dies führte zu zahlreichen Aufständen gegen die Herrschaft Ottos, auch aus den Reihen seiner eigenen Familie. Durch großes politisches Geschick gelang es ihm trotz aller Widerstände, sich zum uneingeschränkten Herrscher des ostfränkischen Reiches zu machen. Als solcher sammelte er 955 ein Heer aus den wichtigsten Herzogtümern seines Reiches um sich und konnte so in der Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg die Ungarn, die seit vielen Jahren Europa mit ihren Raubzügen erschüttert hatten, schlagen. In der Folge wurden die Ungarn Teil der europäischen Völkerfamilie. Sein Sieg 955 machte Otto zum mächtigsten Herrscher Europas, so dass er 962 in Rom vom Papst zum Kaiser gekrönt wurde. Dieses neu errichtete Kaisertum endete erst im Jahr 1806.